Die Entwicklung der Schwellenmärkte

Schwel­len­märkte (Emer­ging Mar­kets, kurz EM) sind ein wich­ti­ger Bestand­teil eines glo­bal diver­si­fi­zier­ten Akti­en­port­fo­lios. Die ver­gan­ge­nen Jahre haben Anle­gern jedoch vor Augen geführt, dass Schwel­len­märkte vola­ti­ler sein kön­nen und sich in ihrer Wert­ent­wick­lung durch­aus von ent­wi­ckel­ten Märk­ten unter­schei­den können. 

In diesem Artikel blicken wir zurück auf die Entwicklung der Schwellenmärkte und der Länder, aus denen sie sich zusammensetzen. Außerdem beschreiben wir das EM-Anlageuniversum und seine Entwicklung der letzten Jahre.

Die letzten zehn Jahre - Regel oder Ausnahme?

In den letzten Jahren blieben die Renditen der Schwellenmärkte hinter denen der entwickelten Märkte zurück. Der MSCI Emerging Markets Index (Nettodiv. reinv.) kam in den letzten 10 Jahren (2010 bis 2019) auf eine annualisierte Gesamtrendite von lediglich 3,7%, der MSCI World ex USA Index dagegen auf 5,3% (Nettodiv. reinv.) und der S&P 500 Index sogar auf 13,6% (Abbildung 1). Anleger mögen von den Renditen des vergangenen Jahrzehnts enttäuscht sein. Eine abweichende Wertentwicklung der Schwellenmärkte im Vergleich zu den Entwickelten Märkten auch über längere Phasen ist jedoch nicht ungewöhnlich, wie unter anderem ein Blick auf das vorherige Jahrzehnt (2000 bis 2009) deutlich macht. Damals lag die annualisierte Gesamtrendite des MSCI Emerging Markets Index (Nettodiv. reinv.) bei 9,8% – und damit deutlich über den 1,6% des MSCI World ex USA Index und den -0,95% des S&P 500 Index.

Unterschiedliche Dekaden
Abbil­dung 1: Zwei sehr unter­schied­li­che Deka­den — Anga­ben in USD.

Das Ausmaß der Renditedifferenzen zwischen Entwickelten Märkten und Schwellenmärkten von Jahr zu Jahr kann groß sein. So fiel zum Beispiel die höchste Minderrendite der letzten zehn Jahre im Vergleich zu den USA im Jahr 2013 an, als die Schwellenmärkte um 34 Prozentpunkte hinter den USA zurückblieben. In Abbildung 2 ordnen wir diese Abweichungen in ihren historischen Kontext ein: Zwischen 1988 und 2019 konnten die Schwellenmärkte US-Aktien gleich viermal (1993, 1999, 2007 und 2009) um 34 Prozentpunkte oder mehr pro Jahr übertreffen und blieben viermal (1995, 1997, 1998 und 2013) in der gleichen Größenordnung hinter den US-Aktien zurück.

Abbil­dung 2: Ent­wi­ckelte Märkte und Schwel­len­märkte im direk­ten Ver­gleich Ren­di­ten­dif­fe­renz pro Kalen­der­jahr, 1988 bis 2019. Anga­ben in USD.

Wer über den gesamten Zeitraum von 1988 bis 2019 an seiner EM-Allokation festgehalten hat, wurde belohnt: Der MSCI Emerging Markets Index (Bruttodiv. reinv.) warf in diesem Zeitraum eine annualisierte Rendite von 10,7% ab, konnte damit den MSCI World ex USA Index (Bruttodiv. reinv.) abhängen (5,9%) und trotz der hohen USAktienrenditen der vergangenen zehn Jahre in etwa mit dem S&P 500 gleichziehen (durchschnittliche annualisierte Rendite von 10,8%). Allerdings mussten Anleger dafür auch mehr Volatilität in Kauf nehmen: Die annualisierte Standardabweichung des EMIndex war mit 22,4% höher als in den USA (14,1%) und in entwickelten Aktienmärkten außerhalb der USA (16,4%).

Diese höhere Volatilität sowie die je nach Jahr beträchtliche Renditeabweichung gegenüber entwickelten Märkten unterstreichen die Bedeutung von Geduld, Disziplin und einer abgestimmten Asset Allokation, an der Anleger langfristig festhalten können, wenn sie in Schwellenmärkte investieren wollen.

Ein genauerer Blick auf die Wertentwicklung der Schwellenmärkte

Auch untereinander können Schwellenmärkte in ihrer Wertentwicklung deutlich voneinander abweichen. Anleger können daher die Zuverlässigkeit der Renditen verbessern, indem sie ihre EM-Allokation diversifizieren. Abbildung 3 schlüsselt die Renditen der letzten zwei Jahrzehnte nach Land und Kalenderjahr auf. Jedes Land wird durch eine andere Farbe dargestellt, die Rangfolge ergibt sich aus der Höhe der Rendite des jeweiligen Jahres. In den 20 Jahren bis Dezember 2019 landete kein Land öfter als zweimal hintereinander auf dem letzten Platz. Genauso schaffte es kein Land zweimal hintereinander auf den Spitzenplatz. Wie in der Abbildung zu erkennen ist, ist die Wertentwicklung einzelner Märkte volatil, Gewinner und Verlierer können sich von einem Jahr auf das andere ablösen.

Abbil­dung 3: Schwel­len­markt­ren­dite n nach Län­dern, 2000 bis 2019 Jähr­li­che EM-Akti­en­markt­ren­di­ten, in %.

Auffällig sind die großen Differenzen zwischen den höchsten und niedrigsten Renditen einzelner Jahre. Wie in Abbildung 4 zu erkennen ist, lag die jährliche Renditedifferenz zwischen der besten und schlechtesten Marktperformance in den vergangenen Jahren zwischen 39 Prozentpunkten (2013) und 159 Prozentpunkten (2005) und im Durchschnitt bei rund 80 Prozentpunkten. Überraschenderweise beschränken sich die Extremwerte nicht auf einige wenige und auch nicht auf kleinere Länder. Vielmehr lieferten insgesamt jeweils dreizehn verschiedene Länder die höchsten bzw. niedrigsten Jahresrenditen. Diese Daten verdeutlichen, dass Anleger hohe Schwankungsrisiken eingehen, wenn sie sich auf einige wenige Länder beschränken. Für beständigen Mehrwert durch eine dynamische Länderallokation finden sich ebenso keine überzeugenden Hinweise1; besser aufgestellt sind Anleger vielmehr mit einem breit diversifizierten Portfolio, mit dem sie Renditen jeweils dort abschöpfen können, wo diese gerade anfallen.

Abbil­dung 4: Beste und schlech­teste Märkte der letz­ten zwei Jahrzehnte.

Ein Anlageuniversum im Wandel

Insgesamt stellen Schwellenmärkte ein bedeutendes Anlageuniversum dar, das sich in seinem Umfang und in seiner Zusammensetzung seit den späten Achtzigerjahren und der Entstehung umfassender Datenbanken und Indizes für Schwellenmärkte kontinuierlich weiterentwickelt. Bedeutende geopolitische, wirtschaftliche und demografische Veränderungen haben im Laufe der Jahre zu Gewichtungsverschiebungen individueller Länder und Unternehmen innerhalb der Schwellenmärkte beigetragen, insgesamt ist das Anlageuniversum jedoch gewachsen.

Ende 2019 belief sich die streubesitzbereinigte Marktkapitalisierung des gesamten Dimensional EM-Universums auf insgesamt 7,8 Billionen US-Dollar, bestehend aus 24
Ländern und über 7.000 Wertpapieren. Schwellenmärkte machen 12,5% der globalen streubesitzbereinigten Aktienmarktkapitalisierung aus (Diagramm A, Abbildung 5),
allerdings ist hier das Verhältnis von Marktkapitalisierung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) meist niedriger als in entwickelten Märkten. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP)
steigt der Anteil der Schwellenmärkte am Weltmarkt daher auf 38,0% (Diagramm B). Doch unabhängig davon, welche Kennzahl man verwendet, ist der globale Marktanteil der Schwellenmärkte bedeutend.

Abbil­dung 5: Anteil der Schwel­len­märkte am Welt­markt per 31. Dezem­ber 2019. Quelle der BIP-Daten: Inter­na­tio­na­ler Währungsfonds.

Diagramm A von Abbildung 6 schlüsselt das Dimensional EM-Anlageuniversum nach Ländern auf. Auf die fünf Länder mit der höchsten Marktkapitalisierung (Brasilien, China,
Indien, Korea und Taiwan) entfallen per Ende des Jahres 2019 73,2% der Marktkapitalisierung und damit etwas mehr als zu Beginn des Jahrzehnts (68,8%).
Bedeutender war der Aufstieg Chinas, dessen Anteil an der EM-Marktkapitalisierung von 17,2% Ende 2009 auf 31,4% Ende 2019 stieg. Der Anstieg geht vor allem auf Neuemissionen zurück, sowie auf die Tatsache, dass ausländische Investoren sich inzwischen leichter an chinesischen Unternehmen beteiligen und über das „Hongkong Stock-Connect“-Programme in Aktien investieren können, die in Shanghai oder Shenzhen notiert sind.
Das wachsende Gewicht Chinas im EM-Anlageuniversum hat unter Anlegern Fragen aufgeworfen, unter anderem zu Benchmarking und möglichen Konzentrationsrisiken. Bei
der Beantwortung dieser komplexen Fragen sollte man allerdings den Anteil Chinas an der gesamten Aktienmarktkapitalisierung nicht außer Acht lassen. Diagramm B von
Abbildung 6 zeigt die Gewichtung der fünf Länder mit der größten Aktienmarktkapitalisierung zum gleichen Datum. Im EM-Anlageuniversum kann China demnach 31,4% der Marktkapitalisierung auf sich vereinen, global sind es jedoch nur 3,9%. Damit ist China das viertgrößte Land nach Marktkapitalisierung hinter den USA, Japan und Großbritannien.

Abbil­dung 6: Die fünf größ­ten Län­der nach Akti­en­markt­ka­pi­ta­li­sie­rung per 31. Dezem­ber 2019.

Das Anlageuniversum der Schwellenmärkte hat sich in den letzten zehn Jahren jedoch nicht nur in seinem Umfang und in seiner Zusammensetzung verändert, auch die Mikrostrukturen und Mechanismen des Marktes haben sich deutlich gewandelt. Grundsätzlich ist Kapital heute mobiler, sodass ausländische Investoren einfacher in Schwellenmärkte investieren können. Die Öffnung der EM-Kapitalmärkte zeigt sich unter anderem an der sinkenden Zahl an Marktschließungen, Kapitalverkehrsrestriktionen und Handelsstopps einzelner Aktien in vielen Märkten. Zudem haben viele Schwellenmärkte in den letzten zehn Jahren internationale Rechnungslegungs- und Berichtstandards weitestgehend übernommen. Nach unserer Analyse folgen mehr als 90% der Unternehmen in den meisten Schwellenländern bei der Erstellung ihrer Jahresabschlüsse inzwischen den International Financial Reporting Standards (IFRS) oder den US Generally Accepted Accounting Practices (GAAP). Die nationalen Standards in Ländern wie China, Indien und Taiwan orientieren sich größtenteils an den IFRS-Vorgaben. Finanzdaten aus Schwellenländern sind dadurch verlässlicher und transparenter geworden.

Zusammenfassung

Schwellenmärkte stellen ein bedeutendes Anlageuniversum dar und entwickeln sich in ihren Strukturen, Mechanismen und Zugangswegen laufend weiter. Um das Potenzial dieser Märkte ausschöpfen zu können, müssen sich Anleger kontinuierlich an Veränderungen im Marktumfeld anpassen. Neben einem langfristigen Anlagehorizont helfen dabei auch Erfahrung, Disziplin und Diversifikation.

Haftungsbegrenzung: Sämtliche Zahlen, Aussagen und Informationen in diesem Artikel dienen lediglich didaktischen und illustrativen Zwecken. Der Artikel ist an die allgemeine Öffentlichkeit gerichtet, jedoch nicht an einzelne Personen oder Anleger oder speziell an existierende oder zukünftige Kunden der Finanzring Gesellschaft für Vermögensberatung mbH & Co. KG. Auf keinen Fall sollte der Artikel oder die darin aufgeführten Informationen als Finanzberatung, Investitionsempfehlung oder als Angebot gemäß des deutschen Wertpapierhandelsgesetzes verstanden werden. Wir sind stets bemüht, Fehler zu vermeiden, und grundlegend bestrebt, korrekte Informationen im Artikel darzustellen. Historische Renditen und Wertsteigerungen sind keine Verbindlichkeit für ähnliche Werte in der Zukunft. In die gezeigten Wertpapierindizes ist kein direktes Investment möglich und sie enthalten keine Kosten und Steuern. Investitionen in Wertpapiere, Bankguthaben, Investmentfonds, Immobilien und Rohstoffe bringen hohe Verlustrisiken hervor, bis hin zur Gefahr des Totalverlusts. Auch können genannte Investmenttechniken zu enormen Verlusten führen. Wir übernehmen keine Haftung für etwaige Schäden, die durch den Gebrauch der in diesem Artikel enthaltenen Informationen hervorgehen.

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